Freitag, 26. Februar 2010

portrait

es ist diese einzige gewissheit in seiner bedrohlichsten klarheit


es ist dieses radikale gefühl das mich innerlich revolutioniert ich fühle es in seiner tiefsten intensität



es ist dieser fordernde wind der mich treibt der mich jagt zu dessen takt ich tanze dessen willen ich gnadenlos ausgeliefert bin



es ist diese durchdringende oberfläche eines jeden eines jeden dinges die ich allezeit entlang meines offenen körpers wahrnehme



es ist diese eiserne stimme die aus meinen ohren stoßt die jede wand der unhörbarkeit einreißt



es sind all diese gründe

Mittwoch, 24. Februar 2010

logos

ist der menschenaffe dem mensch sein näher als ich selbst dem ich sein

ist die moralität in der anonymität geringer als in kleinen bekannten sozialen netzwerken

die sprache stirbt kümmerlich

bedeutungslosigkeit betäubt



die einsamkeit der zweisamkeit

saug es auf






Es ist falsch zu denken: Ich denke. Man müste sagen: Ich werde gedacht. Ich ist ein anderer. ich habe an der Erschließung meines Gedankens teil. Ich sehe und höre ihn. Ich tue einen ersten Bogenstrich. Eine Synphonie regt sich in der Tiefe oder springt mit Macht auf die Bühne. Es begann mit einer Welle des Ekels und es endet, da wir die Ewigkeit nicht sogleich erfassen können, es endet mit einem Aufruhr der Düfte.

Arthur Rimbaud in "I'm not there"

angstpolitik

fremd
ist uns der mensch
der der minderheit
ist sie noch so weit
doch bald schon da
kommt uns zu nah


bekannt
ist uns die wand
versperrt die sicht
freiheit sie vernicht'
doch gibt sicherheit
vor der minderheit


Montag, 22. Februar 2010

Mal relaxen können wie eine Maus in der Falle


In den meisten Fällen enden wir als senile gutmütige Narren, hin und her geschoben von einer rosigen Krankenschwester, die uns anblafft, weil die Bettpfanne wieder randvoll ist. Es sei denn, es nimmt ein gewaltsames Ende -ein Finish, in dem noch einmal alles an uns vorüberzuckt: Mahagoni-farbene Sonnenstrahlen, Girls am Strand, Platt-füße, Haarschnitte, rasselnde Wecker, einrasender Puls. Egal wie, es kommt nie richtig zusammen. Ich gehe in Bars, durchleere schmale Seitenstraßen, ins Wettbüro, frage mich, was ich eigentlich will, und denke wehmütig an Urwälder voll Kletterpflanzen und ähnliche Dinge, z.B. an Mäuse, die sich mit den Vorderpfoten die Nase putzen. Ich sehe mir die Leute an, aber sie sind allebeschäftigt mit Dingen, die ein Spinner wie ich für Unfug hält: Ein Haus abstottern, von da nach dort kommen, Geld verdienen und darüber reden. Das einzige wovon man etwas hat, ist wahrscheinlich rücksichtslos zu schlafen, aber auch das geht nicht lange genug gut - überall werfen sie Preßlufthämmer an, die Kirchenglocken juckt der Schweiß der Beter, die Bienen stechen, die Fenster gleißen, Boote kentern und verfüttern ihren Inhalt an die Haie, nur Kanonen schlafen ungestört in Museen. Ich gehe weg von allem, habe nichts gelernt, weiß jeden Tag weniger, meine Hände werden magnetisch angezogen von meiner Kehle, meine Füße tragen mich voran wie bewußtlose tierische Extremitäten, in Gegenden hinein, wo es schimmelt und gärt, in eine behagliche Hölle, voll von Grünzeug, Ranken und Lianen, und dafür danke ich ihnen auf den Knien.

Charles Bukowski

Entfremdung

In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen.
Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten.
Die Früchte sind süß, aber ohne Liebe.
Sie sättigen nicht einmal.
Was soll nur werden?
Vor meinen Augen flieht der Wald,
vor meinem Ohr schließen die Vögel den Mund,
für mich wird keine Wiese zum Bett.
Ich bin satt vor der Zeit
und hungre nach ihr.
Was soll nur werden?
Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen.
Soll ich mich aufmachen, mich allem wieder nähern?
Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen.

Ingeborg Bachmann

Montag, 15. Februar 2010

vor-urteil der sinne

seht nur wie schön der kirchturm mit dem licht der abendsonne spielt
wie prunkvoll es unsere geschichte erzählt
seht nur wie gehässig das minarette das landschaftsbild zerstört
wie schön es mit dem licht unseres feuers des pogroms spielt
seht nur wie tugendhaft die tracht unserer nonnen
wie schön sie im wind gottes tanzen
seht nur wie verachtend das kopftuch der moslems
wie provokant sie unserem kreuz trotzen
seht nur wie schön unsere bräune doch ist
wie wunderbar es unserem aussehen schmeichelt
seht nur wie gefährlich die schwärze der afrikaner
wie es an ihnen haftet wie schmutz
hört nur wie friedlich der gesang des pfarrers
wie sanftmütig seine klänge durch unsere gotteshäuser tanzen
hört nur wie kriegerisch die hetzparolen des muezzins
wie brutal sie den geist ihrer terroristischen religion verkörpern
riecht nur wie köstlich der duft unserer küche die abendluft verzaubert
wie die gewürze unsere nase verwöhnt
riecht nur wie stechend das fleisch der fremden gerichte stören
wie aufdringlich sie die heimische luft verpesten

seht nur hört nur riecht nur schmeckt nur fühlt nur
die schöpferische diversität
aber urteilt doch nicht ihr narren

draußen vor der stadt


nichts

ich schreibe
ich schreie
ich schreibe mich in den wahnsinn
ich schreibe
ich schreie
ich schreibe mich ins nichts
ich schreibe
ich schreie
mit nichts.von nichts.für nichts.als nichts
ich schreibe
ich schreie

...

s t i l l e - lärm

wort



getrocknete hirnwinden trüben weltsicht
verkrustete seelen hemmen leben
kannibalische gedanken fesseln nähe
morbide taten säen tod


Dienstag, 9. Februar 2010

wer

wir sind wir
sind wir sind
wir sind wir
wer



bin ich nicht ich bist du nicht du sind wir nicht wir

ich bin nicht ich du bist nicht du wir sind nicht wir

nicht ich bin ich nicht du bist du nicht wir sind wir

wer

schön

ich kämme mein haar bis mir mein hirn rausfällt
ich rasiere meinen körper bis es in strömen an mir herunterfließt
ich bemale mein gesicht bis meine haut erstickt
ich esse nichts bis man das weiß meiner knochen sieht

ich bin
schön








hin

schält mir die haut ab
pflückt meine augäpfel
ich bin reif
kostet von mir
esst mich zur gänze auf

ich empfinde nichts
im sog werde ich
verlieren werde ich
mich selbst

luft ersticke
wasser ertrinke
sinn
sinn
hin