Sonntag, 17. Mai 2009

Schweigsam


Unnatürlich langsam strich das einsame Mädchen mit ihrer mageren Hand über den eiskalten Kohlt der Pistole ihres Vaters. Beinahe in Zeitlupe hebt sich ihren Brustkorb und senkt sich wieder und wieder. Ihre nassen Augen wandern vor ihr auf den sterilen Fußboden zu einem Foto, das von einem goldenen Rahmen eingeschlossen ist. Eine glückliche Familie ist darauf abgelichtet. Entschlossen hebt sie die Waffe in Richtung ihres gesenkten Kopfes und führt sie in ihren Mund.

Unnatürlich schnell stieß der einsame Mann den Rauch seiner Zigarette von sich. Beinahe zu schnell inhaliert er erneut den Rauch dieser. Nervös spielt er mit seinem vergoldeten Feuerzeug. Seine müden Augen wandern zum kleinen Fenster neben ihn in die klirrend dunkle Nacht hinaus. Die Silhouette eines blattlosen, toten Baumes ist zu erkennen. Doch ein grünes Blatt zeugt von seinem Widerstand. Von seinem Leben. Die viel zu dünne Tür seiner verkümmert kleinen Wohnung wird aufgebrochen und Momente darauf spürt er den kalten Lauf einer Waffe an seiner Schläfe.

Das ohrenbetäubende Klicken einer gerade eben entsicherten Waffe ist zu vernehmen.
Schließlich auch der darauffolgende ohrenbetäubende stille Schuss, der die gefrorene Luft mit einem eigenartigen Duft des jungfräulich unzensierten Todes paart.
Rotes Gold bahnt sich behutsam seinen Weg durch den zerfetzten Raum.

Die Tropfen des Todes kleben spermaförmig am Familienportrait. Manchmal paaren sich zwei kleine zu einem großen. Zynisch wie Tränen, die vergossen wurden.

Es tropft schadenfroh vom viel zu alten Holztisch auf den dreckig braunen Teppich, der alles aufsaugt. Zynisch wie Rotwein, der verschüttet wurde.

Einen Weg den dieses intensive rote Gold früher oder später bei jedem einmal beschreiten wird.
Freiwillig.
Unfreiwillig.
Gewiss.
Schweigsam.

Ich presse meine geschwollenen Augen ganz fest zusammen und drücke meine Hände gegen meine geschundenen Ohren um wenigstens ihnen all das zu ersparen. Doch meine anderen Sinnesorgane müssen das alles über sich ergehen lassen. Seine Hände sind überall. Ich spüre sie überall an mir. Und sein widerlicher Gestank frisst sich in meine Nase. Ich schmecke etwas Bitteres. Ich kann kaum noch atmen. Eine unsichtbare Kraft droht mich zu ersticken und das unerträglich schwere Gewicht über mir macht jeden Widerstand zwecklos. Schon lange bin ich ohne jeglichem Widerstand und Leben in mir. Ich bin eiskalt und warte bis er endlich genug hat. Seine kalten Hände verraten mir mit ihrem tödlichen Griff, dass es noch andauern wird. Schließlich stöhnt er, steht auf und zieht sich die Hose rauf. Ich drehe mich auf die Seite und ich weine schweigend, während mein Vater mein Zimmer verlässt. Nach Stunden verliere ich aus Erschöpfung das Bewusstsein und schlafe ein. Die einzigen Augenblicke in meinem Leben in denen ich vergessen kann.
Morgens erwache ich und betrachte das zynische Schild, dass mein Vater über meinem Bett angebracht hat: Schweigen ist Gold.

In einem Land in dem Zensur herrscht ist es schwer für einen liberalen Journalist, wie ich es bin, über die Wahrheit zu schreiben. Vielmehr aber ist es schwer zu überleben. Ich zünde mir eine Zigarette an und fahre mit dem Schreiben des Artikels über die korrupten Machenschaften unseres Präsidenten fort. Ich will mich auf die letzten Wahlergebnisse fokussieren. Sämtliche Recherchen meiner Lebensgefährtin haben ergeben, dass unser Präsident aus mehrere Gründen ein solcher auch ist. Nicht faire Volksabstimmung sondern Geld, Erpressung, Morde, Zensur und Einfluss waren der Grund. Einige Beweise konnte meine Frau sichern und ich will diese jetzt in den Artikel einbringen und den Menschen die mit Honig verklebten Augen mit der milchigen Wahrheit öffnen. Sie haben ein Recht darauf genauso wie es meines ist diesen Artikel unzensiert zu veröffentlichen. Doch mein Verstand sagt mir dass ich damit mein Todesurteil unterzeichne. Indes fühle ich mich seit Monaten beobachtet und schon lange nicht mehr sicher. Mir ist vollkommen klar, dass ich, sofern ich die Wahrheit veröffentliche, in diesem Land nicht mehr lange zu Leben habe. Seit geraumer Zeit bekomme ich auf verschiedene Wege Nachrichten zugesandt, die folgende zynische Botschaft beinhalten: Schweigen ist Gold.

Das helle, glockenähnliche Lachen des kleinen Kindes steckt deren Eltern an, die sich zufrieden und verliebt in einer Hängematte kuscheln aneinander kuscheln. Es ist Nachmittag im Sommer in einem wunderschönen Garten. Die großen leeren Teller am Tisch sind über und über mit Krümeln und Soße und zeugen von einer köstlichen Mahlzeit. „Sieh sie dir doch an.“, sagt der gut aussehende Mann liebkosend zur mindestens genauso hübschen Frau neben ihm, „Ist unsere Tochter nicht wundervoll?“ Bevor die Frau etwas Erwidert lacht das bezaubernde Mädchen abermals aus vollem Herzen. Ihre Eltern stimmen ein und die Frau bekräftigt: „ Ja, das ist sie.“
Das darauffolgende wohlige Schweigen wird von dem lebendigen Gezwitscher der Vögel und dem kühlen und klaren Rauschen des Baches neben dem einladenden Haus begleitet. Plötzlich aber unterbricht der Mann ein weiteres Mal die Stille: „Willst du meine Frau werden?“ Der Mann blickt voller Liebe in ihre großen erstaunt erfreulichen Augen doch bevor diese etwas antworten kann hallt das laute Lachen ihres Kindes zu ihnen rüber und das junge Mädchen läuft mit ausgebreiteten Armen auf ihre Eltern zu. Einstimmig spielen sie ein Orchester des Glückes und dazwischen ist kurz ein „Ja“ zu vernehmen.

Sie ist seine Geliebte, seine Stütze, seine beste Freundin, seine Kollegin, seine Muse doch vor Allem ist sie seine Seelenverwandte. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages haben den jungen Mann geweckt. Er zündet sich eine Zigarette an und zieht genüsslich daran. Neben ihm liegt sie, die Frau für die er alles was ihm wichtig ist den Rücken zukehren würde. Die Frau, die er sogar in den Tod folgen würde und die Frau, die ihm zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl gibt geliebt zu werden. Ihr Atem geht langsam und gleichmäßig. Er streicht ihr ein paar verirrte, dunkle Haarsträhnen aus dem eckigen sanften Antlitz seiner Geliebten. Ihre Mundwinkel gehen nach oben. Er streicht ganz langsam über ihren perfekten Körper mit seinen kleinen schönen Makeln. Er kennt bereits jede Narbe, jedes Muttermal, das sich in der kurvigen Hügellandschaft abzeichnet. Abermals beim Gesicht angekommen zeichnet er beinahe ehrfürchtig wie ein Maler es tun würde ihre vollen Lippen nach. Auch ihr plötzliches Erwachen hindert ihm nicht daran seine Liebkosungen zu beenden. Stattdessen beginnt er sie zu küssen. Erst etwas sanfter und als sie sich mit ihrem Körper an den seinigen schmiegte immer heftiger. Sie lieben sich. Sie liegen sich gegenüber und versinken ineinander. Jeder in das andere klare Tief der jeweiligen Augen. Schließlich fragt er sie: „Hab ich dich geweckt?“ Als Antwort gibt sie ein melodisches Lachen von sich. Ebenfalls lachend erhebt er sich aus dem Bett und erkundigt sich nach ihren Wünschen für das Frühstück. Als er das Zimmer verlässt öffnet sie den Laptop neben ihr und schreibt an ihrem Artikel über die Präsidentschaftswahlen weiter.

Es ist Dienstag. Ein Tag wie jeder andere. Ich schließe die Tür auf und es regnet eine Schwall Schimpfwörter durch den Raum. Meine Eltern. Sie streiten sich wieder einmal. In letzter Zeit gehört das zur Tagesordnung. Anstatt in die Küche zu gehen um mir etwas zu Essen zu machen gehe ich sofort in mein Zimmer, um mir das ganze nicht anhören zu müssen. Doch erspart bleibt mir kein Wort. Ich bekomme auch dort alles mit. Die hasserfüllten Sätze meines wütenden Vaters. Das Schluchzen meiner verängstigten Mutter. Das abschließende Klirren eines Tellers und die darauffolgenden Schreie meines Vaters. Auch die Drohungen meiner Mutter, sich scheiden zu lassen und mich mitzunehmen, sind zwecklos. Der Disput scheint kein Ende zu nehmen. Nie. Oft ist der Grund eine lächerliche Lappalie aber das hat nur noch brutaleres Wortgefecht zur Folge. Das Weinen meiner Mutter zerfetzt meine Seele in lauter kleine einzelne Stücke. Ich bin zu jung um das alles zu verstehen und somit zu jung um meiner Mutter zu helfen. Doch plötzlich ist bloß noch Stille zu vernehmen. Aufmerksam versuche ich den Grund der Stille zu erfassen. Doch diese dauert nicht lange an. Ein dumpfes Klatschen unterbricht die außergewöhnliche Ruhe. „Das hast du davon. Du bist bloß ein Stück Dreck. Was wärst du schon ohne mich!“ Die Worte meines wutschäumenden Vaters schneiden wie ein scharfes Messer durch die Stille.
Unnütz und überfordert liege ich auf meinem Bett und starre teilnahmslos die Wand an. Befürchtungen schleichen sich in meinen Kopf ein. Nisten in meinem Gehirn. Etwas verschafft mir dien Mut doch aufzustehen und nachzusehen. Unten angekommen muss ich sehen wie meine Befürchtungen wahr werden. Meine Mutter kauert in einer Ecke am Boden. Das Gesicht tief im Schoss vergraben schluchzt sie still vor sich her. Mein Vater steht mit zornigem Blick vor ihr und tritt mit dem Fuß auf sie ein. Intuitiv renn ich zu ihm und will ihn wegziehen. Doch bloß eine kurze, dominante Handbewegung genügt und auch ich liege am Boden. Seine Wut richtet sich nun auf mich. Schützend lege ich meine Arme über mein Gesicht doch gegen seine Fußtritte sind sie wenig hilfreich. Unmittelbar darauf zerrt er mich an meinen Haaren ins Badezimmer und verschließt hinter ihm die Tür. „Zieh dich aus!“, befiehlt er mir. Wie gelähmt bleibe ich schluchzend am Boden liegend. Mein Vater beginnt meine sauber weiße Bluse zu öffnen. Ich wehre mich und aus diesem Grund wird auch er brutaler. Die Knöpfe meiner Bluse machen ein furchtbares Geräusch, als sie auf den gefliesten Fußboden fallen, da er sie aufgerissen hat. Er berührte meine Brüste. Meine Versuche mich zu wehren schlagen fehl. Wie ein Fisch zapple ich hilflos am eiskalten Fußboden. Ich spüre etwas Hartes in seiner Hose. Schließlich beginnt er an meiner Hose zu zerren und schafft es sie zu öffnen sodass ich entblößt vor ihm liege. Kurze Zeit später ist auch seine geöffnet. Ich bin kraftlos und weine.

Es ist Dienstag. Eigentlich ein Tag wie jeder andere. Ich schreibe angeregt an meiner Rezension über das Theaterstück „Emilia Galotti“ von Lessing. Ein klassisches Theaterstück, denn andere vor allem kritische Stücke sind in unserem Land verboten. Meine Frau, die ich vor sieben Monaten geheiratet, ist wegen Recherchen ihres Artikels über die Wahlen des Präsidenten nicht zu Hause. Sie hat einen anonymen Tipp bekommen, den sie natürlich nachgehen wollte. Trotz des besorgten Abratens von meiner Seite ist sie doch zu dem besagten Treffen gegangen. Sie hat in letzter Zeit einige Drohbriefe bekommen, die Recherchen zu beenden und den Artikel nicht zu veröffentlichen, wenn ihr, ihr Leben wichtig sei. Doch sie hat es immer nur mit einem überspielten Lächeln verdrängt. „Das sind doch nur leere Drohungen“ und „Was sollen sie schon machen“ hat sie gemeint. Doch ich war seit dem ersten Brief ohne Absender sehr besorgt um sie. Ich habe schon von den vielen politischen Morde in diesem Land gelesen und mich zerfrisst der Gedanke, dass sie der nächste sein könnte. Ich habe mich immer auf sicherem Terrain begeben. Es mag feige klingen doch ich bin damit vollkommen zufrieden, dennoch stehe ich absolut hinter dem Schaffen meiner Frau. Der Aschenbecher ist zum überlaufen voll. Ich bin aber nicht im Stande ihn zu lehren. Irgendeine unsichtbare Kraft drückt mich in den Sessel und lähmt mich vom Bauch abwärts. Es ist spät. Zu spät. Sie sollte schon längst wieder zu Hause sein. Was geht da vor? Die Angst raubt mir immer mehr die Luft zum atmen. Als würde sie sich fett in meiner Lunge ausbreiten und mir die Atemwege verstopfen. Das Ticken der Uhr jagt mich. Schon lange habe ich aufgehört zu schreiben und starre bloß vor mich hin. Ich rauche eine nach der anderen obwohl der Aschenbecher bereits lange schon überquillt. Einige Versuch sie auf dem Handy zu erreichen missfielen. Nicht gerade untypisch, da sie bei Interviews und etwaigen Recherchen immer das Handy ausschaltet. Dennoch zerreist die Sorge um sie meine Nerven. Ich starre leer vor mir hin und fixiere einen Punkt auf der gegenüberliegenden Seite des kleinen Arbeitsraumes. Plötzlich wird die tote Stille durch ein hektisches Rütteln an der Tür erschossen. Die Lähmung war verflogen und ich springe auf. Dabei verschütte ich das eben eingeschenkte Rotweinglas und es bildet sich ein großer roter blutsfarbener Fleck im Teppichboden. Ebenso fällt der Stuhl von der starken Bewegung beeinflusst auf den Boden und ich renne zur Tür. Instinktiv und ohne viel darüber nachzudenken entriegle ich die Tür und reiße sie beinahe zeitgleich auf. Meine Frau fällt mir geschockt in die Arme. „du hattest Recht. Es war eine Falle. Sie waren hinter mir her. Sie wollen mich töten. Sie werden mich töten. Sie wollen meinen Tod!“ Verängstigt und verstört wendet sie sich zum Fenster und betrachtet den toten Baum. Doch am Ende eines Astes sieht sie eine kleine Knospe. Kaum merklich. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit.



„Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?“
(Rainer Maria Rilke „Die Liebende“)



Sie hielt das weiße, längliche Objekt aus Kunststoff in den Händen. Versteinert sind ihre Augen auf es gerichtet. Allmählich bilden sich zwei dünne Striche in dem kleinen Fenster darauf. Diese zwei Striche bedeuten positiv. Sie ist schwanger. Tränen flossen über ihr blasses Gesicht. Seit acht Jahren missbraucht ihr Vater sie sexuell. Damals hatte er immer gesagt sie dürfe es keinem erzählen ansonsten habe sie keiner mehr lieb. Also tat sie es auch nicht und ließ ihren Vater sich Nacht für Nacht an ihr vergehen. Und heute bringt sie den Mut nicht auf irgendjemandem davon zu erzählen. Sie wüsste auch nicht wem sie all das erzählen könnte. Ihrer Mutter hat sie vor ungefähr zwei Jahren Andeutungen gemacht, doch diese hat über ihre blühende Phantasie bloß gelacht. Warum sollte ihre Mutter ihr auch Glauben schenken. Ihr Vater ist Polizist. Ein Beruf ehrenwerter Männer. Heute weiß sie jedoch, dass ihre Mutter überfordert ist. Mit dieser Ehe, mit dieser Situation, mit ihrem eigen Leben. Freunde hat das Mädchen keine. Ihre Vergangenheit hat sie zu einem Außenseiter gemacht. Sie fühlt sich leer und alleine. Sie ist schwanger. Von ihrem Vater. Hohe Mauern umschließen sie. Kein Weg führt aus dieser Sackgasse. Es gibt kein zurück. Entschlossen geht sie in ihr Zimmer nachdem sie den Schwangerschaftstest in eine Mülltonne weit weg von zu Hause entsorgt hat. Dort beginnt sie mit dem schreiben eines Briefes. Sie schreibt alles nieder. All die Erinnerungen an die letzten Jahre. All die langen Nächte mit ihrem Vater und all die psychische und physische Gewalt, die sie und ihre Mutter ausgesetzt waren. Sie schreibt über die Entfremdung ihrer Mutter. Über den Mangel an Kommunikation zu ihrer Mutter. Die ganze Wut gegenüber ihrer Mutter, die dem ganzen ein Ende setzten hätte können. Mit einer Scheidung. Mit einer schützenden Hand. Liebt sie ihre Tochter denn nicht? Den ganzen Hass gegenüber ihrem Vater, der heuchlerisch seine heldenhafte Arbeit verrichtet und die Gesellschaft vor Kriminelle schützt und zu Hause selber zum Kriminellen wird. Sie schreibt über den Tod ihrer Seele, der schon seit dem ersten sexuellen Missbrauch eingetreten ist. Von ihrer inneren Leere. Von ihrer Einsamkeit, die sie fesselt und von ihren Träumen von einer glücklichen Familie und Kindheit und von Freunden und überhaupt von einem normalen Leben. Von den Schmerzen, die sie all die Jahre ertragen musste. Sie schreibt Seite um Seite. Sie schreibt sich frei. Sie schreibt von ihrer Schwangerschaft. Von dem neuen Leben, dass auf so schrecklicher Weise entstand. Sie schreibt von ihrer Absicht all dem ein Ende zu setzten. Von ihrem Bedauern dem neuen Leben in ihr auch ein Ende zu setzten. Wenn sie es nicht tut würde es früher oder später ihr Vater tun. Er könnte es aussehen lassen wie ein Unfall und nicht wie ein Mord. Schließlich ist er Polizist. Ein guter Polizist aber kein guter Mensch. In den letzten Zeilen richtet sie ihre Worte direkt an alle anderen Opfer eines solchen Missbrauches. Sie sollen nicht schweigen. Nicht schweigen, wie sie es tat. Sie sollen schreien. Sich frei schreien. Die Täter ins Gefängnis schreien. Abschließend zitiert sie Müllers „Bestie Mensch“: „Dort wo die Kommunikation endet, beginnt die Gewalt.“. Nachdem sie den Brief zu Ende geschrieben hat, der beinahe zwanzig Seiten umfasst, schickt sie diese Fassung an mehrere Zeitungen. Sie war sich noch nie zuvor einer Sache so sicher. Ihre Eltern sind heute Abend auf einem Treffen. Also hat sie genügend Zeit die Pistole ihres Vaters zu holen. Genügend Zeit das Bild dieser fremden glücklichen Familie zu betrachten, dass einmal ihre Familie gewesen sein soll. Genügend Zeit all ihre Angst durch Entschlossenheit zu ersetzen. Genügend Zeit selbst der Qual ein Ende zu setzten. Genügend Zeit sich selbst zu töten.


Die Beerdigung seiner Frau ist nun einige Monate her. Ihr Artikel, der ihr den Tod brachte, blieb unbeendet. Als er von ihrem Dahinscheiden erfuhr, hatte er sich geschworen ihr Vorhaben zu vollenden. Spätestens heute Abend will er den Text veröffentlichen lassen. Es fehlen noch die letzten Zeilen. Die schwersten Zeilen seines Lebens. Die Wahrheit über den Tod seiner Lebensgefährtin. All seinen Kummer, seine ganze Wut hindern ihn daran klar zu denken. Sein Hass vernebelt seine Sinne. Und dennoch beginnt er zu schreiben:

Auf diesem Weg möchte ich auch vom Tod meiner Frau berichten. Sie war ein bewundernswerter Mensch. Die Wahrheit war ihr Freund und dennoch kostete sie ihr das Leben. Als ich von ihrem tödlichen Autounfall erfuhr wusste ich, dass nicht ein angeblicher Sekundenschlaf daran schuld gewesen ist sondern die eingeschränkte Meinungsfreiheit hier in diesem Land. In unserem Land. Private Ermittlungen ergaben anhand von Spuren, dass sie von einem anderen Fahrzeug von der Fahrspur abgedrängt worden war und aus diesem Grund in den Abgrund stürzte. Ihr strahlende Persönlichkeit und selbstlose Aufrichtigkeit waren unvergleichlich natürlich und wahr. Ihre Meinung vertrat sie mit so klaren Argumenten und ihre Arbeit als Journalistin war ihr Medium für die Wahrheit zu schreiben und zu appellieren. Einer ihrer sehnlichsten Wünsche war es immer Kinder zu bekommen und eine Familie zu gründen. Doch dazu sollte es nie kommen.

Er muss für einen Moment das Schreiben einstellen. Unfähig sich die Zeilen noch einmal durchzulesen schreibt er wie eine Maschine weiter:

Dieser Artikel war ihr Todesurteil und dieser Artikel wird auch meines sein. Ich widme diesen Text insbesondere all jenen, die aus politischen Gründen ermordet wurden und all jenen, die sich gegen ein solches korruptes Regime erheben. Indem Wissen, dass auch meine Frau das wollte. Doch vor allem möchte ich diesen Artikel dieser besonderen Frau widmen, die all ihre persönlichen Wünsche für die Wahrheit opferte und aufgrund dieses Textes ihr Leben verlor. Möge ihre Seele vom Wind des Widerstandes weitergetragen werden und zum schönen Klang der Wahrheit tanzen. Möge ihre Seele Ruhe finden. Und mögen unsere Seelen wieder zueinander finden, wenn all das bald ein Ende haben wird.
Ist auch sonst nichts gewiss im Leben eines Menschen, so ist es der Tod.

Dieser letzte Teil des Artikels gleicht einem Abschiedsbrief. Zitternd erhebt er sich und blickt starr aus dem Fenster. Der tote Baum trägt an einem Ast ein grünes Blatt, das kämpft. Als er auf den Tisch neben ihm die Drohungen sieht, wird ihm wieder bewusst, wie wenig Zeit er noch hat. Wenig Zeit den fertigen Artikel an viele verschiedene Zeitungen zu schicken. Wenig Zeit über all das nachzudenken, was ihm jetzt bevorsteht. Wenig Zeit sich auf das Ungewisse vorzubereiten. Wenig Zeit sich zu beruhigen. Wenig Zeit zu leben. Wenig Zeit getötet zu werden.

Denn rotes Gold fließt.
Freiwillig.
Unfreiwillig.
Gewiss.
Schweigsam.